Wie sich das Gehirn verändert und was Unternehmen daraus machen können

Veränderung ist das große Thema in vielen Management-Journalen und Büchern. Und das aus gutem Grund. Digitalisierung, Big Data, Nanotechologien, Agile Arbeitsumgebungen und künstliche Intelligenz verändern unseren Alltag so schnell, das wir fast nicht mehr nachkommen. Produktlebenszyklen werden kürzer, neue Technologien veralten immer schneller und wir werden überflutet mit neuen Produkten und Informationen dazu. Als traditionelle Firma, die sich nicht entsprechend wandelt, ist man schnell aus dem Rennen. Besonders, wenn man nicht nur auf die Umgebung reagieren möchte, sondern selbst zum Trendsetter werden und den Markt so richtig aufmischen will. Veränderung ist ein „Muss“ und bietet gleichzeitig enorme Möglichkeiten für jedes Unternehmen.

Kurven, Straßenschild, Warnung, Straße, Wüste, Next 4 Miles

Doch so gut die Veränderung einzelnen Firmen tut, die meisten haben ihre Probleme damit. Veränderungsprojekte gehen reihenweise schief oder bringen nicht den erhofften Erfolg. Consultants verdienen sich dumm und dämlich damit Firmen umzustrukturieren und effizienter zu machen. Doch ist der Erfolg dabei eher dünn gesät. Wenn es nicht klappt, ist häufig der Mitarbeiter schuld, der die notwendige Veränderung nicht mitträgt.

Dabei verändern Menschen sich ständig und tun das auch sehr gerne. Wir lernen neue Sportarten und Sprachen. Wir lernen neue Menschen kennen und kochen neue Gerichte. Wir probieren neue Smartphones aus oder machen unser Haus intelligenter. Und erzählen das ganz stolz auf dem nächsten Grillfest. Veränderung gehört zu unserem Alltag.

Für genau solche Veränderung ist unser Hirn auch gemacht. Unser Hirn ist eine gigantische Lernmaschine (oder sagen wir es wissenschaftlicher: die Neuroplastizität ist enorm). Wir lernen ständig etwas Neues. Im Gehirn passiert das jeden Tag, jede Stunde und jede Minute. Neue Synapsen werden gebildet, neue Netzwerke aufgebaut und vielleicht sogar neue Nervenzellen gebildet. Lernen ist Veränderung. Unser Gehirn ist so lernfreudig, damit wir uns ständig auf Neues einstellen können. Es macht also genau das, was wir auch von Firmen fordern. Und es macht das sehr erfolgreich. Denn schließlich hat die Menschheit schon seit ein paar Jahrtausenden überlebt, im Gegensatz zu vielen Unternehmen. Können wir uns vom Gehirn ein paar Veränderungsprinzipien abschauen?

Schild, Leuchtschrift, Change, Neonröhre

  1. Veränderung im Hirn ist kein one-time Projekt, sondern eine ständige Arbeit. Wir entwickeln uns permanent weiter. Es vergeht nicht ein Tag, an dem unser Gehirn sich nicht verändert. Warum Veränderung also auf einige kurze Zeiten beschränken und es zu etwas Besonderem machen? Vielleicht sollten wir aufhören, ständig besondere Change Programme anzustoßen, sondern Veränderung als Prozess zu begreifen, die zur Firma dazu gehört. Nicht Stabilität und Ordnung muss der angestrebte Zustand sein, sondern Veränderung und Entwicklung.
  2. Veränderung findet meist in kritischen Situationen und unter dem Eindruck einer Bedrohung statt. Sie fordern unsere gesamte Aufmerksamkeit und Energie. Alle anderen Dinge werden ausgeblendet damit wir eine passende Strategie entwickeln können. Am Ende haben wir gelernt mit dieser Bedrohung (und dem resultierenden Stress) umzugehen. Im Idealfall sind diese Situationen schnell vorbei. Denn wenn sich unser Gehirn mit Bedrohungen befasst hat es keine Energie mehr für Kreativität, Strategie und Vision. Machen wir das doch genauso. Geben wir den Problemen ihre Zeit, lernen aus Fehlern und beenden Sie dann. Damit auch Zeit für Erfolge da ist.
  3. Erfolge sind der Motor positiver Veränderungen. Das Gehirn belohnt Zielerreichung immer mit enormen Glücksgefühlen. Die kommen aber nur zustande, wenn wir etwas Neues erreichen. Routineaufgaben entlocken dem Gehirn nur ein müdes Lächeln. Je größer und wichtiger das Neue ist, je mehr lernt unser Gehirn und macht uns glücklich. Nutzen wir doch die Kraft die in unserem Kopf steckt und lernen jeden Tag etwas dazu. Das Hirn macht es sowieso. Und als Unternehmer können wir uns von diesem Erfolgswillen anstecken lassen.
  4. Und noch ein letztes: Wie entwickelt unser Gehirn denn Entscheidungen und Prinzipien, um mit der komplexen Umwelt umzugehen? Es probiert aus. Und das was klappt, das wird behalten. Das was nicht funktioniert, das wird verworfen. Im Anbetracht der Tatsache, dass selbst unsere Supercomputer nicht mit komplexen Situationen umgehen können, weil es zu viele Variablen gibt. Dieser Trial & Error Ansatz wird von vielen erfolgreichen Firmen propagiert. Wagen wir also öfter mal was Neues und schauen ob es klappt. Aber bitte ohne die Maßgabe, dass alles klappen muss. Das können wir Angesicht der aktuell stattfindenden Veränderungen (Stichworte: Digitalisierung, Handelskrieg und Brexit) eh nicht mehr vorhersagen.

Taucher, unter Wasser, Fische, Koralle, Gehirn, Struktur

Sicherlich gibt es noch viel mehr zur gehirngerechten Veränderung zu sagen. Besonders die Mechanismen, die einer erfolgreicher Veränderung entgegen stehen sind ein spannendes Thema. Aber die kommen dann das nächste Mal an die Reihe.

Ihr Dr. Markus Ramming

Gastbeitrag von Dr. Markus Ramming – Trainer des Ersten Deutschen Zentrum für Leistungsmanagement

Der promovierte Neurobiologe setzt sich mit Herz und Seele für das Thema Neuroleadership und Change ein und hat selbst über 15 Jahre Erfahrung als Führungskraft in der Pharmaindustrie. So kennt er die Probleme, Belange und auch Lösungen für und von Organisationen und Entscheidern in Unternehmen. Mit seinem Wissen und Erfahrung schafft er es Veränderungen voran zu treiben.

Was aus neurobiologischer Sicht hinter unserer Begeisterung steckt

Wie sich unser Gehirn vernetzt und damit unser Wesen bestimmt hängt von den Bedingungen und Anforderungen unseres Kulturkreises oder sozialen Gefüge ab. Externe Faktoren oder die Umwelt bestimmen aber nicht exklusiv wie unser Gehirn im Laufe unseres Lebens geprägt wird. Es reicht nicht aus das gewisse neuronale Verschaltungen einfach immer und immer wieder genutzt werden und sich dadurch ausweiten, stabilisieren und damit Verhaltensweisen geprägt und Lösungsmodelle effektiver werden. Wenn es so wäre dann könnten wir alles lernen, wenn wir nur genügend Zeit hätten. Aber wir lernen nicht alles.

Lange sind Psychologen davon ausgegangen, dass es sich bei Freude, Begeisterung und Emotionen um geistige Zustände handelt. Inzwischen ist aber klar, dass diese auch einen biologischen Hintergrund haben und beispielsweise durch die Verstärkung bestimmter Botenstoffe veränderbar sind. Verhaltensweisen und Reaktionen, in kritischen (Stress) Situationen, lassen sich also trainieren. Vor allem unsere Begeisterung spielt für die Veränderungsbereitschaft, Innovation und das Lernen eine große Rolle.

Begeisterung als Grundlage des Lernens
Egal ob jung oder alt wir lernen das was uns wichtig ist. Das sind die Dinge die wir interessant finden und die uns in einen Zustand der Neugier und vor allem der Begeisterung versetzten. Wenn uns etwas wirklich wichtig ist dann strengen wir uns an, legen unsere Aufmerksamkeit auf das angestrebte Ziel, machen Strategien und stellen dabei auch unsere anderen Bedürfnisse hinten an. Wenn wir einen Sachverhalt durchblickt und Erkenntnis gewonnen haben sind wir hellauf begeistert. Eine Menge unterschiedlicher neuronaler Netzwerke sind dann in unserem Gehirn aktiv. Neuroplastische Botenstoffe wie Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin werden ausgeschüttet und in den Nervenzellen weitergegeben. Das geschieht genau in den Bereichen die wir für das erreichen des Zustandes angestrengt haben. In diesen Nervenzellen werden dann bestimmte Gene aktiv die für die Produktion von Eiweißen zuständig sind die für das Auswachsen neuer ähnlicher Nervenzellen und Nervenzellkontakte gebraucht werden. Dadurch werden all jene neuronalen Netzwerke ausgebaut und gestärkt die genau das zustande gebracht haben was uns am Herzen lag und wofür wir uns so sehr begeistert haben. Unser Gehirn wird so wie und wofür wir es mit Begeisterung genutzt haben. Die subjektive Bewertung unserer Umwelt, was uns in ihr fasziniert und wir interessant finden ist wichtig, nicht die Umwelt an sich. Wenn wir also wissen wollen warum Menschen so sind wie sie sind müssen wir herausfinden was ihnen in der Vergangenheit wichtig war und begeistert hat.

Emotionen_Positiv_Negativ_Begeisterung_Stress

Warum wir unsere Begeisterung verlieren (können)
Als Kinder und Jugendliche haben wir unser Umfeld noch neugierig als kleine Entdecker und Gestalter aufgesogen. Doch beim Älterwerden und Erwachsensein scheint uns diese Begeisterung abhanden gekommen zu sein. Wird uns, je älter wir werden, immer mehr, immer weniger wichtig? Als Kind ist noch fast alles was wir tun oder erleben bedeutsam, dann beginnen wir uns zurechtzufinden, Erfahrung zu sammeln und unser Leben nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Dann steigt die Gefahr in bekannten Routinen steckenzubleiben, man erledigt seinen Job, tut was zu tun ist und funktioniert. Alles wird gleichermaßen bedeutsam und unbedeutend. Nicht nur ein Problem der Individuen, auch Gemeinschaften haben das Problem, zwar noch zu funktionieren aber nicht mehr zu leben, festgefahren in Verwaltungsstrukturen. Dieser Pragmatismus gibt uns eine trügerische Sicherheit vor Krisen und möglichen Veränderungen. Dann hilft nur ein Blick auf die Kinder oder die Erinnerung an unsere eigene Kindheit um zu Erfahren was es heißt mit offenen Augen und Begeisterung unseren Weg zu beschreiten. An ihrem Beispiel können wir sehen was es braucht um uns mit kindlicher Neugier an die Umwelt zu wagen: Unterstützung aus dem Umfeld sowie die Chancen und Möglichkeiten uns als Entdecker und Gestalter auf den Weg zu machen.

Spielend begeistern
Soziologische wie auch psychologische Studien zeigen auf, dass es einen Weg gibt schlauer, konzentrierter, leistungsfähiger und begeisterter werden. Dieser Weg funktioniert über das Spielen, denn spielen heißt automatisch auch lernen. Dinge die uns Spaß bereiten schütten Botenstoffe wie Dopamin aus. Wenn Sie also in der Berufswelt Ihr Potenzial optimal abrufen möchten, sollten Sie regelmäßig spielen – auch während der Arbeitszeit. Denn Arbeit sollte mit Anstrengung, aber auch mit viel Freude an der Tätigkeit verbunden sein wie unser Beitrag: „Warum wir im Büro mehr spielen sollten“ zeigt.

Mit Lob und Pausen begeistern
Im Berufsleben haben Führungskräfte eine wichtige Rolle wenn es darum geht ideale Rahmenbedingungen für ihre Mitarbeiter zu schaffen. Dazu gehören auch Pausen, wie wir in unserem Beitrag: „Regeneration: Ein wichtiger Bestandteil des Berufslebens“ aufgezeigt haben. Begeisterung kann erzeugt werden indem den Beiträgen der Mitarbeiter einen Sinn gegeben wird. Wenn die Ergebnisse dann noch im Zusammenhang mit dem Unternehmenserfolg gebracht werden, hat die Führungskraft beste Voraussetzungen für Motivation geschaffen. Wie Wertschätzung und ein gezieltes Lob funktionieren kann haben wir im Beitrag: „Richtig loben“ erklärt.

Es gibt einige Stellschrauben mit denen die Begeisterungsfähigkeit und damit an der langfristigen Motivation für die eigene oder die Arbeit der Mitarbeiter gezielt gefördert werden kann. Dazu gehört auch offen und ehrlich  im Team über die Aufgabenverteilung zu sprechen um dann gemeinsam Lösungen zu finden. Wichtige Faktoren sind dabei Verständnis für die Perspektive des Gegenübers und die Kommunikation auf Augenhöhe.

Am Ende entscheidet der Wille zur Lebensfreude und Begeisterung. Tatsächlich sind die Anlässe dazu omnipräsent, die Herausforderung ist sie zu erkennen. Installieren Sie die Begeisterung fest in Ihrem Alltag!

Lernen ist Leben – Leben ist Lernen

Zu Beginn unseres Lebens haben sich unsere Eltern noch den ganzen Tag um uns gekümmert. Während wir die ersten Schritte machten oder als wir zum ersten Mal ohne Stützräder auf unserem Fahrrad gefahren sind. Sie waren stets neben uns, sobald wir auf Hilfe angewiesen waren. Als wir im Kindergarten waren, haben wir bemerkt, dass hier keine Eltern sind, auf deren Hilfe wir uns verlassen konnten. Von nun an waren wir auf uns allein gestellt. In der Schule wurden wir erst spielerisch, später mit vollem Ernst auf unser Berufsleben vorbereitet. Wir mussten lernen, wie man lernt. Dies wird sich bis zu unserem Lebensende wohl nie ändern, denn Lernen ist ein endloser Prozess. Zwar gibt es aus der Pädagogik einige gute Konzepte, doch all dies nützt nichts, wenn man wie die Didaktik, also die Kunst des Lehrens, die neurologischen Grundlagen nicht miteinbezieht. Durch die Neurodidaktik wird somit die Perspektive des Empfängers eingenommen, also die des Lernenden.

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Unser Gehirn besteht aus circa 100 Milliarden Nervenzellen, welche bis zu 10.000 Kontakte zu anderen Nervenzellen besitzen. Die Rede ist hier also von Synapsen. An diesen werden Informationen zwischen den Zellen ausgetauscht.  Zunächst existiert eine kleine Synapse, über die ein Impuls läuft. Je mehr wir lernen, desto dicker wird diese. Als Beispiel lässt sich hier das Erlernen einer uns noch unbekannten Sprache heranziehen. Grundlage sind dabei die einzelnen Vokabeln. Setzen wir uns gezielt und häufig mit einem Wort auseinander, so lässt es die Synapse dadurch dicker werden. Durch Wiederholung der einzelnen Wörter werden diese oft genug zwischen den Nervenzellen übertragen und es fällt uns leichter, diese neu abzurufen. So werden aus dünnen nun dicke und schlussendlich zwei Synapsen. Dadurch können Impulse schneller, stärker und besser über die Kontaktstellen laufen. Die dahinter liegenden Nervenzellen werden also schneller erregt.
Früher ging man davon aus, dass das Lernen im Alter schlechter funktioniert. Doch heute weiß man auch, je älter man wird, desto mehr Erfahrungen hat ein Mensch gesammelt. Somit fällt es einem leichter, Verknüpfungen herzustellen. Als Gegenbeispiel: Ein Kleinkind kann sich unter dem Wort „Akkuschrauber“ nichts vorstellen. Umso schwerer wird sich das Kind dann damit tun, sich das Wort zu merken. Immer wieder höre ich aber, dass Menschen ab dem 50. Lebensalter nicht mehr für Veränderungen bereit sind. Es muss also noch etwas anderes für das Lernen verantwortlich sein, als nur die Größe des neuronalen Netzwerkes. Hier kommt der Wachstumsfaktor BDNF (Brain-derived neurotrophic factor) ins Spiel. Dieser ist ein Protein, welches eng mit den Nervenwachstumsfaktoren verwandt ist. Es sorgt dafür, dass sich im Gehirn neue Verbindungen bilden und dadurch Wissen angesetzt werden kann. BDNF ist der Wunderstoff, der Lernen entweder fördert oder verhindert. Forscher sind der Meinung, dass das Gehirn mit circa 30 Jahren ausgereift ist. Danach verändert es sich nur noch aufgrund seiner Plastizität. Das BDNF sorgt bei älteren Menschen somit bloß dafür, dass neue Verbindungen entstehen. Es gibt jedoch eine Ausnahme. Damit meine ich den Hippocampus. Dieser Bereich des Gehirns ist mit dem Thema Lernen und Stress auf das Engste verknüpft. Er kann sich vergrößern, aber leider auch verkleinern. Bei Letzterem Vorgang verringert sich die Fähigkeit, mit Stress umzugehen und Neues zu erlernen. Ausdauersport kann das Wachstum des Hippocampus aber positiv beeinflussen. Je nach Lebensstil verändert sich unser Lernarenal. So ist z.B. Schlaf das A und O für erfolgreiches Lernen. Denn während wir schlafen, werden die Informationen vom Hippocampus in die Großhirnrinde abgespeichert. Darüber hinaus stellt ein Schlafmangel ein Stressfaktor dar, was zu einer Verminderung von BDNF führt und somit auch zu einer Schrumpfung des Hippocampus. Auch zu wenig Bewegung, eine ungesunde und mangelhafte Ernährung können zu einer Lernblockade führen. Doch nicht nur das, auch eine einfache Entzündung, Angst und traumatische Erfahrungen können das Lernen verhindern. Achten Sie deshalb auf Ihren Lebensstil.