Mein erster Kontakt mit Neuroleadership

Im Laufe meines Berufslebens hatte ich mich schon oft mit Teambuilding und Managementratgebern auseinandergesetzt. Man lernt die Kollegen ein wenig besser kennen und erhält Tipps für die Strukturierung von Meetings oder des Terminkalenders. Meist waren diese aber alle sehr ähnlich und die Erkenntnisse blieben weitestgehend aus.

Die Verbindung zwischen Gehirnforschung, Management und Führungstheorie war mir zwar bekannt, doch hatte ich keine tieferen Kenntnisse. Da mein Arbeitgeber Weiterbildungen und Seminare aktiv fördert, lag das Neuroleadership Seminar des Ersten Deutschen Zentrums für Leistungsmanagement nahe. Bei diesem noch relativ neuen Ansatz werden zwei Themengebiete kombiniert und Erkenntnissen der Neurowissenschaften auf bekannte Managementtheorien übertragen.

Das Seminar im Schloss zu Hopferau hat mir sehr gut gefallen und das Team des Zentrums für Leistungsmanagement bat mich, einen Blogbeitrag über meine Erfahrung sowie die gewonnenen Erkenntnisse zu schreiben.

Das im Allgäu beheimatete Erste Deutsche Zentrum für Leistungsmanagement sagt von sich selbst, es beschäftige sich mit den Themen Gehirnforschung, Biologie, Medizin und lehrt seinen Teilnehmer, wie sie begeisterter, leistungsfähiger und veränderungsbereit werden.

Neugierig machten mich besonders, die Punkte Motivation und Kommunikation aus Sicht des Gehirns sowie die Möglichkeit, Zusammenarbeit mit Kollegen gehirnregerecht zu gestalten – das ist für mich privat, wie beruflich von großer Relevanz.

Zentrum für Leistungsmanagement, Seminar, Workshop, Notizen, Vortrag

Obwohl ich keine Führungskraft bin, habe ich die Chance bekommen daran teilzunehmen. Geleitet wurde das Seminar von Dr. Markus Ramming, der promovierte Neurobiologe bringt umfassende Erfahrungen als Führungskraft in der Pharmabranche mit. Dies konnte man in seinen Erläuterungen deutlich spüren, denn gerade die vielen konkreten Beispiele machten das komplexe Thema Gehirn und Motivation verständlicher.

Dr. Ramming behandelte alle, die im Handout aufgelistete Punkte. An der ein oder anderen Stelle hätte ich mir einen tieferen Einstieg gewünscht, aber da hätte ich wahrscheinlich das zweitägige Neuroleadership Seminar besuchen müssen. Dr. Ramming meinte, dass dieses mehr Raum für Gruppenarbeiten bietet und so das neue Wissen gleich angewendet werden kann.

Besonders gefallen haben mir die wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse und Studien, mit denen Dr. Ramming seine Ableitungen für das Management und Führungsverhalten belegen konnte. Diese ganz neue Art auf das berufliche Miteinander zu blicken hat mir einige Aha-Momente beschert. Die kleinen Gedankenspiele, die am eigenen Beispiel und praxisnahen Erlebnisse, die Eigenheiten unseres Gehirns aufzeigen, haben bei mir diesen Effekt verursacht. Wir können von der sogenannten Neuroplastizität lernen, die beschreibt, dass unser Gehirn ständig lernt, auch im Alter und es vor allem auf das Training ankommt und darauf für was wir unser Gehirn nutzen. Es war spannend von dieser gigantischen Lernmaschine zu hören, in der ständig neue Verbindungen geschaffen werden und alte „Wege“ oder nicht genutzte Gedankengänge langsam verschwinden. Das hat mir das Gefühl gegeben, nicht mehr diese mysteriöse „Blackbox“ in meinem Kopf zu haben, sondern ein greifbares Organ, das ich auch gezielt beeinflussen und trainieren kann.

Spannend für mein Berufsleben fand ich die angesprochenen Faktoren, welche die eigene und die Motivation der Kollegen beeinflussen lassen. Da geht es dann auch gleich in den Bereich des Primings und der bedürfnisorientierten Kommunikation. Auch hier haben wir wieder mit vielen konkreten Beispielen gearbeitet. Was ich mitgenommen habe und auch auf jeden Fall in meine tägliche Arbeit integrieren möchte, ist mir mehr Zeit zu geben um Inne zu halten und die Automatismen, die sich in den Arbeitsabläufen festgesetzt haben, zu hinterfragen bzw. zu überdenken. Denn erst dann habe ich die Chance meine etablierten Denkmuster zu überwinden und kann so offener, konkreter und zielgerichteter mit meinen Kollegen kommunizieren.

Zentrum für Leistungsmanagement, Seminar, Workshop, Teilnehmer, Notizen

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen mit einem Halbwissen unterwegs sind was Kommunikation und Motivation angeht, welches Sie in Ratgebern und Seminaren aufgeschnappt haben. So ging es mir auf jeden Fall. Mit Hilfe des Schnupperseminars konnte ich einige dieser Wissensfragmente für mich zu logischen Handlungsanweisungen zusammenfügen. Aber gerade dass hinter dem Neuroleadership-Ansatz fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse stecken, machen das Seminar für jeden interessant – egal ob vorgebildet, führungserfahren oder als Managementneuling.

Auf jeden Fall möchte ich nun auch das zweitägige Seminar im Schloss zu Hopferau besuchen. Die Termine dafür, habe ich bereits in meinem Kalender notiert.

Mit freundlichen Grüßen,

Victoria Meder, Consultant BERA GmbH

Wie sich das Gehirn verändert und was Unternehmen daraus machen können

Veränderung ist das große Thema in vielen Management-Journalen und Büchern. Und das aus gutem Grund. Digitalisierung, Big Data, Nanotechologien, Agile Arbeitsumgebungen und künstliche Intelligenz verändern unseren Alltag so schnell, das wir fast nicht mehr nachkommen. Produktlebenszyklen werden kürzer, neue Technologien veralten immer schneller und wir werden überflutet mit neuen Produkten und Informationen dazu. Als traditionelle Firma, die sich nicht entsprechend wandelt, ist man schnell aus dem Rennen. Besonders, wenn man nicht nur auf die Umgebung reagieren möchte, sondern selbst zum Trendsetter werden und den Markt so richtig aufmischen will. Veränderung ist ein „Muss“ und bietet gleichzeitig enorme Möglichkeiten für jedes Unternehmen.

Kurven, Straßenschild, Warnung, Straße, Wüste, Next 4 Miles

Doch so gut die Veränderung einzelnen Firmen tut, die meisten haben ihre Probleme damit. Veränderungsprojekte gehen reihenweise schief oder bringen nicht den erhofften Erfolg. Consultants verdienen sich dumm und dämlich damit Firmen umzustrukturieren und effizienter zu machen. Doch ist der Erfolg dabei eher dünn gesät. Wenn es nicht klappt, ist häufig der Mitarbeiter schuld, der die notwendige Veränderung nicht mitträgt.

Dabei verändern Menschen sich ständig und tun das auch sehr gerne. Wir lernen neue Sportarten und Sprachen. Wir lernen neue Menschen kennen und kochen neue Gerichte. Wir probieren neue Smartphones aus oder machen unser Haus intelligenter. Und erzählen das ganz stolz auf dem nächsten Grillfest. Veränderung gehört zu unserem Alltag.

Für genau solche Veränderung ist unser Hirn auch gemacht. Unser Hirn ist eine gigantische Lernmaschine (oder sagen wir es wissenschaftlicher: die Neuroplastizität ist enorm). Wir lernen ständig etwas Neues. Im Gehirn passiert das jeden Tag, jede Stunde und jede Minute. Neue Synapsen werden gebildet, neue Netzwerke aufgebaut und vielleicht sogar neue Nervenzellen gebildet. Lernen ist Veränderung. Unser Gehirn ist so lernfreudig, damit wir uns ständig auf Neues einstellen können. Es macht also genau das, was wir auch von Firmen fordern. Und es macht das sehr erfolgreich. Denn schließlich hat die Menschheit schon seit ein paar Jahrtausenden überlebt, im Gegensatz zu vielen Unternehmen. Können wir uns vom Gehirn ein paar Veränderungsprinzipien abschauen?

Schild, Leuchtschrift, Change, Neonröhre

  1. Veränderung im Hirn ist kein one-time Projekt, sondern eine ständige Arbeit. Wir entwickeln uns permanent weiter. Es vergeht nicht ein Tag, an dem unser Gehirn sich nicht verändert. Warum Veränderung also auf einige kurze Zeiten beschränken und es zu etwas Besonderem machen? Vielleicht sollten wir aufhören, ständig besondere Change Programme anzustoßen, sondern Veränderung als Prozess zu begreifen, die zur Firma dazu gehört. Nicht Stabilität und Ordnung muss der angestrebte Zustand sein, sondern Veränderung und Entwicklung.
  2. Veränderung findet meist in kritischen Situationen und unter dem Eindruck einer Bedrohung statt. Sie fordern unsere gesamte Aufmerksamkeit und Energie. Alle anderen Dinge werden ausgeblendet damit wir eine passende Strategie entwickeln können. Am Ende haben wir gelernt mit dieser Bedrohung (und dem resultierenden Stress) umzugehen. Im Idealfall sind diese Situationen schnell vorbei. Denn wenn sich unser Gehirn mit Bedrohungen befasst hat es keine Energie mehr für Kreativität, Strategie und Vision. Machen wir das doch genauso. Geben wir den Problemen ihre Zeit, lernen aus Fehlern und beenden Sie dann. Damit auch Zeit für Erfolge da ist.
  3. Erfolge sind der Motor positiver Veränderungen. Das Gehirn belohnt Zielerreichung immer mit enormen Glücksgefühlen. Die kommen aber nur zustande, wenn wir etwas Neues erreichen. Routineaufgaben entlocken dem Gehirn nur ein müdes Lächeln. Je größer und wichtiger das Neue ist, je mehr lernt unser Gehirn und macht uns glücklich. Nutzen wir doch die Kraft die in unserem Kopf steckt und lernen jeden Tag etwas dazu. Das Hirn macht es sowieso. Und als Unternehmer können wir uns von diesem Erfolgswillen anstecken lassen.
  4. Und noch ein letztes: Wie entwickelt unser Gehirn denn Entscheidungen und Prinzipien, um mit der komplexen Umwelt umzugehen? Es probiert aus. Und das was klappt, das wird behalten. Das was nicht funktioniert, das wird verworfen. Im Anbetracht der Tatsache, dass selbst unsere Supercomputer nicht mit komplexen Situationen umgehen können, weil es zu viele Variablen gibt. Dieser Trial & Error Ansatz wird von vielen erfolgreichen Firmen propagiert. Wagen wir also öfter mal was Neues und schauen ob es klappt. Aber bitte ohne die Maßgabe, dass alles klappen muss. Das können wir Angesicht der aktuell stattfindenden Veränderungen (Stichworte: Digitalisierung, Handelskrieg und Brexit) eh nicht mehr vorhersagen.

Taucher, unter Wasser, Fische, Koralle, Gehirn, Struktur

Sicherlich gibt es noch viel mehr zur gehirngerechten Veränderung zu sagen. Besonders die Mechanismen, die einer erfolgreicher Veränderung entgegen stehen sind ein spannendes Thema. Aber die kommen dann das nächste Mal an die Reihe.

Ihr Dr. Markus Ramming

Gastbeitrag von Dr. Markus Ramming – Trainer des Ersten Deutschen Zentrum für Leistungsmanagement

Der promovierte Neurobiologe setzt sich mit Herz und Seele für das Thema Neuroleadership und Change ein und hat selbst über 15 Jahre Erfahrung als Führungskraft in der Pharmaindustrie. So kennt er die Probleme, Belange und auch Lösungen für und von Organisationen und Entscheidern in Unternehmen. Mit seinem Wissen und Erfahrung schafft er es Veränderungen voran zu treiben.

Neuroleadership – Als Führungskraft die Tücken des Gehirns erkennen

Aus dem ganzen Hype um Neuroleadership drängt sich mir die Frage auf: Müssen wir Neurowissenschaftler werden, um besser führen zu können?
Um es klar zu sagen. Nein, müssen wir nicht. Genauso wenig, wie wir Psychologie studieren müssen, um gut führen zu können. Man muss ja auch nicht sein Auto in und auswendig kennen, um gut Autofahren zu können. Besonders, wenn wir es nur für die Fahrt zu Supermarkt und zur Arbeit nutzen. Wollen wir aber mal auf die Rennstrecke und an die Leistungsgrenze gehen, sollten wir doch mal mit der Bedienungsanleitung unterhalten. Damit wir wissen, was wir beachten müssen, um alles herauskitzeln zu können.

Gehirngerechtes Führen
Genauso ist es mit dem Hirn. Neuroleadership ist wie eine Bedienungsanleitung, welche uns hilft unsere Führungsqualitäten zu verbessern. Die gibt es ja bei den vielen Management-Gurus schon zu Hauf, aber eben keine, die wissenschaftlich an die Sache herangehen. Und so kommt Unsinn wie „Carrot and stick“ (was sich im Deutschen mit „Zuckerbrot und Peitsche“ übersetzten lässt) oder die „burning platform“ (das heraufbeschwören einer imminenten Krise um Veränderung zu erreichen) in Umlauf und hält sich hartnäckig in den Köpfen unserer Führungskräfte. Ich weiß nicht, wie viel Führungsprobleme auf deren Konto gehen. Ich bin aber der Meinung, das gerade in einer Welt, die mehr und mehr populistischen Phrasen hinterherläuft, sollte eine seriöse wissenschaftlich fundierte Herangehensweise ans Management eine besondere Wichtigkeit haben. Für uns selbst und den Erfolg unserer Firma.

Die Tatsache, dass in Deutschland viele Mitarbeiter frustriert, demotiviert und unglücklich mit dem Chef sind, zeigt, dass die alten Ansätze häufig nicht greifen. Konsequenz: Es wird dringend ein neuer Managementstil gebraucht. Erstaunlich ist das ganz besonders deshalb, weil fast alle Führungskräfte mit denen man redet, behaupten extrem gut mit Menschen umgehen zu können.

Doch es geht nicht nur um den Umgang mit den Mitarbeitern. Auch in den Bereichen Strategie, Marketing, Entscheidungsfindung oder Innovation kann Neuroleadership entscheidende Impulse und praktische Lösungen bieten. Um nur mal ein Thema aufzugreifen: Wir nehmen unseren Kopf sehr gern als funktionierende Maschine war. Viele Wissenschaftler haben indes gezeigt, dass unser Kopf nicht so gut funktioniert, wie wir das von uns denken (oder er es uns vorspiegelt). Wie ein Auto, das zwar fährt, aber dessen Straßentauglichkeit durch kaputte Radlager, verrostete Bremsscheiben und hakelndes Getriebe eingeschränkt ist.

Büsten Skulpturen Köpfe Wanderer

Fehler im Management – vom Gehirn getäuscht
Es fasziniert mich gerade an mir selbst zu bemerken, dass fast alle unsere Lösungen und Entscheidungen von Neigungen und Vorlieben geprägt sind, die uns zu voreingenommenen Urteilen drängen. Zu allem Übel, sind uns diese Triebfedern der Entscheidung gar nicht bewusst. Wir rennen quasi blind in unser Glück oder Unglück. Die Fehlentscheidungen und Täuschungen hat Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem Buch (Langsames Denken, schnelles Denken) ausführlich beschrieben.

Eine der typischen Täuschungen unserer Zeit entsteht in der Planung. Wir reduzieren die Komplexität auf ein paar Variablen und akzeptieren diese als Wahrheit. Wir unterschätzen dabei regelmäßig das in unserer komplexen Umwelt unsere Entscheidungsgrundlage nur eine schwache Abstraktion der Realität sein kann. Das wird besonders bei Gruppenentscheidungen ignoriert, weil man sich auf den anderen verlässt (Stichwort groupthink). Risiken und die Ressourcen in unseren Projekten werden so drastisch unterschätzt, Budgetüberschreitungen und Zeitverschiebungen sind vorprogrammiert.

Dieser erste Fehler zieht dann häufig den Trugschluss hinter sich her, das Projekt unbedingt, unabhängig von den schon entstandenen Kosten, fortzuführen (sunk cost fallacy). Man hat sich auf das Projekt geeinigt, deshalb muss es ein Erfolg werden. Auch wenn die Resultate eher dünn und die Prognosen nicht so rosig, wir verfolgen das Projekt weiter. Entscheidungen werden durchgezogen.

Gestützt wird das durch unser Vertrauen in uns selbst. Fehler werden ignoriert und klein geredet und Erfolge groß. Man bestätigt sich, richtig zu handeln, und beachtet die Fehler nicht. Besonders in einer Situation, in der die Bilanzen gar nicht so schlecht aussehen.

Unser Gehirn ist verantwortlich für diese Täuschungen. Wir brauchen Vertrauen in uns selbst, um nicht in Depressionen zu versinken. Wir müssen uns die Umwelt so erklären, dass wir nicht schlecht dastehen. Fehler geben wir nicht zu, weil es nicht zu unserem Selbstbild passt. Das ist im Prinzip gut und richtig, aber manchmal führt es in die Irre. Selbsterkenntnis ist hier der erste Weg zur Besserung.

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Aus Fehlern lernen
Viele wissen um die Limitierungen unseres Gehirns. Tut sich deshalb etwas an unserer Entscheidungskultur in Firmen? Ich habe bis jetzt wenig Veränderung festgestellt. Dabei wäre es doch im Sinne des Risikomanagements sinnvoll, für die wichtigsten Fehlerquellen entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Neuroleadership setzt hier an. Es hilft, unsere Prozesse, Kultur und Firma in einem anderen Licht zu sehen und hinter die Fassade zu schauen. Wir sind ehrlicher und direkter, aber am Ende auch gesünder. Erst die Erkenntnis über die Funktions- und Denkweisen unseres Gehirns lassen eine Analyse und Reflektion unseres Handels im Großen wie im Kleinen zu. Wir lernen mit den Limitierungen unseres Kopfes zu leben und diesen intensiver zu gebrauchen. Die Selbsterkenntnis führt zu einer positiven Veränderung. Deshalb sind Auszeiten, in denen wir unser Denken und Handeln mal aus einer anderen Perspektive betrachten so wertvoll. Für den Einzelnen kann das die Meditation, Tai-Chi, die Woche im Kloster oder das Gespräch mit einem Freund oder Mentor sein. Für die Firma sind es die Retreats, bei denen das eigene Denken und Handeln mal auf den Prüfstand kommt. Inspektion fürs Gehirn, sozusagen.

Gastbeitrag von Dr. Markus Ramming – Trainer des Ersten Deutschen Zentrum für Leistungsmanagment
Der promovierte Neurobiologe setzt sich mit Herz und Seele für das Thema Neuroleadership ein und hat selbst über 15 Jahre Erfahrung als Führungskraft in der Pharmaindustrie. So kennt er die Probleme, Belange und auch Lösungen für und von Organisationen und Entscheidern in Unternehmen. Mit seinem Wissen und Erfahrung schafft er es Veränderungen voran zu treiben.

Den eigenen Körper verstehen – Was bei Stress passiert (Stress Teil 1)

Im letzten Beitrag haben wir uns mit der neuro-biologischer Sicht auf unsere Begeisterung und wie sich diese auf unsere Lernfähigkeit auswirkt beschäftigt. Nun soll es um den Gegenspieler der Begeisterung gehen: den Stress, seine Auswirkungen und positiven wie negativen Erscheinungsformen. Wie es sich mit den beiden Kontrahenten Stress und Begeisterung verhält können Sie auch im Blogbeitrag „Neurobiochemie – im Bann der Regelkreise“ nachlesen.

 Was sind Stressoren?
Stressoren oder Stressfaktoren sind alle inneren und äußeren Reize die im zentralen Nervensystem Schutzmechanismen und Notfallreaktionen auslösen. Je nach Situation werden wir in Alarm- und Handlungsbereitschaft versetzt, das wirkt sich auf Muskulatur, Atmung, Kreislauf und auf die Informationsverarbeitung im Gehirn aus. Das Hirn schickt über das vegetative Nervensystem Impulse an die Nebennierenrinde, dort werden Botenstoffe wie Adrenalin, Noradrenalin in unser Blut ausgeschüttet. Dauert die Stresssituation länger an, wie zum Beispiel im Arbeitsalltag oder in einer Prüfung, werden zusätzlich stoffwechselanregende Hormone wie das Cortisol ausgeschüttet, da Adrenalin zwar sofort aber auch nur für kurze Zeit wirksam ist. Daher werden bei der Stressdiagnose vor allem die Cortisol Werte im Speichel gemessen. Sie haben die größte Aussagekraft über ein langanhaltend hohes Stress Level.

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Fight or Flight
Die größten Bedrohungen im Laufe der menschlichen Evolution waren für die längste Zeit tatsächlich Fressfeinde. Dann galt die Maxime Fliehen oder Kämpfen um unser Leben zu retten. Da war nicht viel nachzudenken, höhere Hirnfunktionen nicht zu gebrauchen. Dabei gilt je bedrohlicher oder dramatischer wir die Situation erleben, desto weniger sind wir in der Lage intelligente, ethische oder kreative Lösungen zu finden. So ein adrenalingeladenes Verhalten kennen wir heute vor allem im Bereich der Justiz als Affekthandlung. Ein sich selbstverstärkender Prozess, der auf einer positiven Rückkopplung des Nebennieren Marks und des auf Aktivität gerichteten Teil unseres Nervensystems, des Sympathikus, basiert. Die Impulse des Sympathikus führen zur Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin. Noradrenalin ist der Neurotransmitter des Sympathikus, der dadurch noch mehr Impulse geben kann, welche wiederum zu einer vermehrten Ausschüttung von Neurotransmittern führt. Dieses sich aufschaukelnde System kann einen Menschen in Gefahrensituationen „übermenschliche Kräfte“ entwickeln lassen. Diese Reaktion wird auch „fight-or-flight response“ genannt, eine rasche körperliche und seelische Anpassung an Gefahrensituationen. Eine weitere mögliche Reaktion auf solch dramatischen Situationen ist die freeze-Phase die durch erhöhte Aufmerksamkeit und Bewegungslosigkeit geprägt ist. Der Grund für das Erstarren ist die Hoffnung, vom Raubtier übersehen zu werden, da die Augen am ehesten auf Bewegung ansprechen. Wenn weder Flucht noch Kampf eine realistische Option sind, kann die fright-Phase eintreten, eine Phase der Angst die zur Muskellähmung führt, mit der Intention sich tot zu stellen.

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Körperliche Auswirkungen
Die körperlichen Stressreaktionen sind wenn sie kurzzeitig anhalten völlig unschädlich und sogar nötig um im Moment besonders leistungsfähig zu sein. Der Energieträger Zucker (Glukose) im Blut erhöht sich, er wird zum Teil aus der Leber ausgeschüttet und aus den freien Fettsäuren im Blut oxidiert. Der schon in den Muskeln gespeicherte Zucker, das Glykogen dient der Arbeit des Muskels und kann nicht wieder freigesetzt werden und für andere Stoffwechselvorgänge genutzt werden. Wie beim Zucker werden auch energiereiche Fettsäuren aus wie Cholesterin und Triacylglycerole angeregt durch die Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin aus dem Fettgewebe mittels Lipolyse in unser Blut gelöst. Die Fettsäuren und der Zucker versorgen die für die Stressreaktion nötigen Zellen mit Energie.

Für die Verarbeitung der Glukose brauchen die Zellen Insulin. Die Bauchspeicheldrüse wird aktiv, neben der überzufuhr von Kalorien kann eine Dauerbelastung durch Stress zu einer Erschöpfung der Drüsenzellen der Bauchspeicheldrüse und damit zu Diabetes führen. Die Atmung wird verstärkt, der zusätzliche Sauerstoff wird für die Aufspaltung der Fettsäuren und der Glukose in den universellen Energieträger ATP (Adenosintriphosphat) welches im Hirn als Neurotransmitter fungiert und in den Muskelzellen die Energie für die Kontraktion liefert. Diesen „Hunger nach Luft“ erleben wir als ein Gefühl von Atemnot und kann zu Symptomen der Hyperventilation führen: Schwindel, Engegefühl in der Brust, Gähnen, Kribbeln in den Händen bis hin zu Verkrampfungen, Zittern und Muskelschmerzen. Die Pulsfrequenz steigt und der Blutdruck erhöht sich, so verbessert sich die Durchblutung. Das energiegeladene Blut kommt so schneller zu den Stellen an denen Energie gebraucht wird, den Muskeln und das Gehirn. Herzrasen, gerötete Hautstellen, kalte Füße und Hände sowie ein Druckgefühl im Kopf können Anzeichen für die erhöhte Blutflusslenkung sein. Infolge der verstärkten Durchblutung der Muskeln produziert der Körper auch mehr Wärme, auf die mit einer erhöhten Schweißproduktion reagiert wird. Wenn an einer Stelle viel Blut gebraucht wird, werden andere Regionen weniger versorgt, so ist die Blutzufuhr zu den inneren Organen und Teilen des Großhirns geringer. Für die Stresssituation „unnötige“ Stoffwechselfunktionen werden heruntergefahren. Das kann sich in Übelkeit, einem flauen Magengefühl, stärkeren Harndrang aber auch Durchfall äußern. In Extremsituationen wird die relativ langsame Reizverarbeitung im Großhirn zurückgedrängt und schematische Entscheidungsmuster die in niederen Hirnregionen verankert sind aufgerufen. Eine detaillierte Bestimmung der Gefahrensituation ist meist nicht nötig so werden Reaktionen rascher und problemorientierter ausgeführt sind aber auch Fehleranfällig. Es breitet sich ein Gefühl von Schreck, Angst oder Panik aus, die Folgen sind Konzentrationsstörungen oder ein „Blackout“ in Prüfungssituationen. Bis hin zu Dissoziation, einem Bewusstseinsverlust bei dem die Erinnerungen nicht mehr gespeichert (verhindern eines möglichen Traumas) werden und der Verlust der Körperkontrolle. Eine verminderte Schmerzwahrnehmung tritt ein, dieser Schutz soll die ganze Aufmerksamkeit auf die mögliche Gefahr lenken, etwaige Schmerzen stören dabei. Langfristig ist ausgesetzter oder verminderter Schmerz durch akuten Stress kann gefährlich werden, da das wichtige Meldesystem für Verletzungen, Erkrankungen und innere Ungleichgewichte fehlt.

Abschließen möchten wir uns noch bei dem ärztlichen Psychotherapeuten Dr. Alfons Lindemann bedanken, denn dieser Artikel auf seiner Homepage bildete die Grundlage für diesen Beitrag. Er hat Informationen zusammengeführt, die sonst nur verteilt in Lehrbüchern und Vorträgem zu finden sind.

Auch der nächsten Blogbeitrag des Zentrums für Leistungsmanagement wird sich dem Thema Stress widmen. Nachdem jetzt vor allem die körperlichen Auswirkungen von Stress behandelt wurden, erläutern wir kommenden Monat den Unterschied zwischen positivem wie negativem Stress. Außerdem werden wir aufzeigen, wie Sie Stress für sich nutzen können. Bleiben Sie dran!

Was aus neurobiologischer Sicht hinter unserer Begeisterung steckt

Wie sich unser Gehirn vernetzt und damit unser Wesen bestimmt hängt von den Bedingungen und Anforderungen unseres Kulturkreises oder sozialen Gefüge ab. Externe Faktoren oder die Umwelt bestimmen aber nicht exklusiv wie unser Gehirn im Laufe unseres Lebens geprägt wird. Es reicht nicht aus das gewisse neuronale Verschaltungen einfach immer und immer wieder genutzt werden und sich dadurch ausweiten, stabilisieren und damit Verhaltensweisen geprägt und Lösungsmodelle effektiver werden. Wenn es so wäre dann könnten wir alles lernen, wenn wir nur genügend Zeit hätten. Aber wir lernen nicht alles.

Lange sind Psychologen davon ausgegangen, dass es sich bei Freude, Begeisterung und Emotionen um geistige Zustände handelt. Inzwischen ist aber klar, dass diese auch einen biologischen Hintergrund haben und beispielsweise durch die Verstärkung bestimmter Botenstoffe veränderbar sind. Verhaltensweisen und Reaktionen, in kritischen (Stress) Situationen, lassen sich also trainieren. Vor allem unsere Begeisterung spielt für die Veränderungsbereitschaft, Innovation und das Lernen eine große Rolle.

Begeisterung als Grundlage des Lernens
Egal ob jung oder alt wir lernen das was uns wichtig ist. Das sind die Dinge die wir interessant finden und die uns in einen Zustand der Neugier und vor allem der Begeisterung versetzten. Wenn uns etwas wirklich wichtig ist dann strengen wir uns an, legen unsere Aufmerksamkeit auf das angestrebte Ziel, machen Strategien und stellen dabei auch unsere anderen Bedürfnisse hinten an. Wenn wir einen Sachverhalt durchblickt und Erkenntnis gewonnen haben sind wir hellauf begeistert. Eine Menge unterschiedlicher neuronaler Netzwerke sind dann in unserem Gehirn aktiv. Neuroplastische Botenstoffe wie Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin werden ausgeschüttet und in den Nervenzellen weitergegeben. Das geschieht genau in den Bereichen die wir für das erreichen des Zustandes angestrengt haben. In diesen Nervenzellen werden dann bestimmte Gene aktiv die für die Produktion von Eiweißen zuständig sind die für das Auswachsen neuer ähnlicher Nervenzellen und Nervenzellkontakte gebraucht werden. Dadurch werden all jene neuronalen Netzwerke ausgebaut und gestärkt die genau das zustande gebracht haben was uns am Herzen lag und wofür wir uns so sehr begeistert haben. Unser Gehirn wird so wie und wofür wir es mit Begeisterung genutzt haben. Die subjektive Bewertung unserer Umwelt, was uns in ihr fasziniert und wir interessant finden ist wichtig, nicht die Umwelt an sich. Wenn wir also wissen wollen warum Menschen so sind wie sie sind müssen wir herausfinden was ihnen in der Vergangenheit wichtig war und begeistert hat.

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Warum wir unsere Begeisterung verlieren (können)
Als Kinder und Jugendliche haben wir unser Umfeld noch neugierig als kleine Entdecker und Gestalter aufgesogen. Doch beim Älterwerden und Erwachsensein scheint uns diese Begeisterung abhanden gekommen zu sein. Wird uns, je älter wir werden, immer mehr, immer weniger wichtig? Als Kind ist noch fast alles was wir tun oder erleben bedeutsam, dann beginnen wir uns zurechtzufinden, Erfahrung zu sammeln und unser Leben nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Dann steigt die Gefahr in bekannten Routinen steckenzubleiben, man erledigt seinen Job, tut was zu tun ist und funktioniert. Alles wird gleichermaßen bedeutsam und unbedeutend. Nicht nur ein Problem der Individuen, auch Gemeinschaften haben das Problem, zwar noch zu funktionieren aber nicht mehr zu leben, festgefahren in Verwaltungsstrukturen. Dieser Pragmatismus gibt uns eine trügerische Sicherheit vor Krisen und möglichen Veränderungen. Dann hilft nur ein Blick auf die Kinder oder die Erinnerung an unsere eigene Kindheit um zu Erfahren was es heißt mit offenen Augen und Begeisterung unseren Weg zu beschreiten. An ihrem Beispiel können wir sehen was es braucht um uns mit kindlicher Neugier an die Umwelt zu wagen: Unterstützung aus dem Umfeld sowie die Chancen und Möglichkeiten uns als Entdecker und Gestalter auf den Weg zu machen.

Spielend begeistern
Soziologische wie auch psychologische Studien zeigen auf, dass es einen Weg gibt schlauer, konzentrierter, leistungsfähiger und begeisterter werden. Dieser Weg funktioniert über das Spielen, denn spielen heißt automatisch auch lernen. Dinge die uns Spaß bereiten schütten Botenstoffe wie Dopamin aus. Wenn Sie also in der Berufswelt Ihr Potenzial optimal abrufen möchten, sollten Sie regelmäßig spielen – auch während der Arbeitszeit. Denn Arbeit sollte mit Anstrengung, aber auch mit viel Freude an der Tätigkeit verbunden sein wie unser Beitrag: „Warum wir im Büro mehr spielen sollten“ zeigt.

Mit Lob und Pausen begeistern
Im Berufsleben haben Führungskräfte eine wichtige Rolle wenn es darum geht ideale Rahmenbedingungen für ihre Mitarbeiter zu schaffen. Dazu gehören auch Pausen, wie wir in unserem Beitrag: „Regeneration: Ein wichtiger Bestandteil des Berufslebens“ aufgezeigt haben. Begeisterung kann erzeugt werden indem den Beiträgen der Mitarbeiter einen Sinn gegeben wird. Wenn die Ergebnisse dann noch im Zusammenhang mit dem Unternehmenserfolg gebracht werden, hat die Führungskraft beste Voraussetzungen für Motivation geschaffen. Wie Wertschätzung und ein gezieltes Lob funktionieren kann haben wir im Beitrag: „Richtig loben“ erklärt.

Es gibt einige Stellschrauben mit denen die Begeisterungsfähigkeit und damit an der langfristigen Motivation für die eigene oder die Arbeit der Mitarbeiter gezielt gefördert werden kann. Dazu gehört auch offen und ehrlich  im Team über die Aufgabenverteilung zu sprechen um dann gemeinsam Lösungen zu finden. Wichtige Faktoren sind dabei Verständnis für die Perspektive des Gegenübers und die Kommunikation auf Augenhöhe.

Am Ende entscheidet der Wille zur Lebensfreude und Begeisterung. Tatsächlich sind die Anlässe dazu omnipräsent, die Herausforderung ist sie zu erkennen. Installieren Sie die Begeisterung fest in Ihrem Alltag!