Neuroleadership – Als Führungskraft die Tücken des Gehirns erkennen

Aus dem ganzen Hype um Neuroleadership drängt sich mir die Frage auf: Müssen wir Neurowissenschaftler werden, um besser führen zu können?
Um es klar zu sagen. Nein, müssen wir nicht. Genauso wenig, wie wir Psychologie studieren müssen, um gut führen zu können. Man muss ja auch nicht sein Auto in und auswendig kennen, um gut Autofahren zu können. Besonders, wenn wir es nur für die Fahrt zu Supermarkt und zur Arbeit nutzen. Wollen wir aber mal auf die Rennstrecke und an die Leistungsgrenze gehen, sollten wir doch mal mit der Bedienungsanleitung unterhalten. Damit wir wissen, was wir beachten müssen, um alles herauskitzeln zu können.

Gehirngerechtes Führen
Genauso ist es mit dem Hirn. Neuroleadership ist wie eine Bedienungsanleitung, welche uns hilft unsere Führungsqualitäten zu verbessern. Die gibt es ja bei den vielen Management-Gurus schon zu Hauf, aber eben keine, die wissenschaftlich an die Sache herangehen. Und so kommt Unsinn wie „Carrot and stick“ (was sich im Deutschen mit „Zuckerbrot und Peitsche“ übersetzten lässt) oder die „burning platform“ (das heraufbeschwören einer imminenten Krise um Veränderung zu erreichen) in Umlauf und hält sich hartnäckig in den Köpfen unserer Führungskräfte. Ich weiß nicht, wie viel Führungsprobleme auf deren Konto gehen. Ich bin aber der Meinung, das gerade in einer Welt, die mehr und mehr populistischen Phrasen hinterherläuft, sollte eine seriöse wissenschaftlich fundierte Herangehensweise ans Management eine besondere Wichtigkeit haben. Für uns selbst und den Erfolg unserer Firma.

Die Tatsache, dass in Deutschland viele Mitarbeiter frustriert, demotiviert und unglücklich mit dem Chef sind, zeigt, dass die alten Ansätze häufig nicht greifen. Konsequenz: Es wird dringend ein neuer Managementstil gebraucht. Erstaunlich ist das ganz besonders deshalb, weil fast alle Führungskräfte mit denen man redet, behaupten extrem gut mit Menschen umgehen zu können.

Doch es geht nicht nur um den Umgang mit den Mitarbeitern. Auch in den Bereichen Strategie, Marketing, Entscheidungsfindung oder Innovation kann Neuroleadership entscheidende Impulse und praktische Lösungen bieten. Um nur mal ein Thema aufzugreifen: Wir nehmen unseren Kopf sehr gern als funktionierende Maschine war. Viele Wissenschaftler haben indes gezeigt, dass unser Kopf nicht so gut funktioniert, wie wir das von uns denken (oder er es uns vorspiegelt). Wie ein Auto, das zwar fährt, aber dessen Straßentauglichkeit durch kaputte Radlager, verrostete Bremsscheiben und hakelndes Getriebe eingeschränkt ist.

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Fehler im Management – vom Gehirn getäuscht
Es fasziniert mich gerade an mir selbst zu bemerken, dass fast alle unsere Lösungen und Entscheidungen von Neigungen und Vorlieben geprägt sind, die uns zu voreingenommenen Urteilen drängen. Zu allem Übel, sind uns diese Triebfedern der Entscheidung gar nicht bewusst. Wir rennen quasi blind in unser Glück oder Unglück. Die Fehlentscheidungen und Täuschungen hat Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem Buch (Langsames Denken, schnelles Denken) ausführlich beschrieben.

Eine der typischen Täuschungen unserer Zeit entsteht in der Planung. Wir reduzieren die Komplexität auf ein paar Variablen und akzeptieren diese als Wahrheit. Wir unterschätzen dabei regelmäßig das in unserer komplexen Umwelt unsere Entscheidungsgrundlage nur eine schwache Abstraktion der Realität sein kann. Das wird besonders bei Gruppenentscheidungen ignoriert, weil man sich auf den anderen verlässt (Stichwort groupthink). Risiken und die Ressourcen in unseren Projekten werden so drastisch unterschätzt, Budgetüberschreitungen und Zeitverschiebungen sind vorprogrammiert.

Dieser erste Fehler zieht dann häufig den Trugschluss hinter sich her, das Projekt unbedingt, unabhängig von den schon entstandenen Kosten, fortzuführen (sunk cost fallacy). Man hat sich auf das Projekt geeinigt, deshalb muss es ein Erfolg werden. Auch wenn die Resultate eher dünn und die Prognosen nicht so rosig, wir verfolgen das Projekt weiter. Entscheidungen werden durchgezogen.

Gestützt wird das durch unser Vertrauen in uns selbst. Fehler werden ignoriert und klein geredet und Erfolge groß. Man bestätigt sich, richtig zu handeln, und beachtet die Fehler nicht. Besonders in einer Situation, in der die Bilanzen gar nicht so schlecht aussehen.

Unser Gehirn ist verantwortlich für diese Täuschungen. Wir brauchen Vertrauen in uns selbst, um nicht in Depressionen zu versinken. Wir müssen uns die Umwelt so erklären, dass wir nicht schlecht dastehen. Fehler geben wir nicht zu, weil es nicht zu unserem Selbstbild passt. Das ist im Prinzip gut und richtig, aber manchmal führt es in die Irre. Selbsterkenntnis ist hier der erste Weg zur Besserung.

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Aus Fehlern lernen
Viele wissen um die Limitierungen unseres Gehirns. Tut sich deshalb etwas an unserer Entscheidungskultur in Firmen? Ich habe bis jetzt wenig Veränderung festgestellt. Dabei wäre es doch im Sinne des Risikomanagements sinnvoll, für die wichtigsten Fehlerquellen entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Neuroleadership setzt hier an. Es hilft, unsere Prozesse, Kultur und Firma in einem anderen Licht zu sehen und hinter die Fassade zu schauen. Wir sind ehrlicher und direkter, aber am Ende auch gesünder. Erst die Erkenntnis über die Funktions- und Denkweisen unseres Gehirns lassen eine Analyse und Reflektion unseres Handels im Großen wie im Kleinen zu. Wir lernen mit den Limitierungen unseres Kopfes zu leben und diesen intensiver zu gebrauchen. Die Selbsterkenntnis führt zu einer positiven Veränderung. Deshalb sind Auszeiten, in denen wir unser Denken und Handeln mal aus einer anderen Perspektive betrachten so wertvoll. Für den Einzelnen kann das die Meditation, Tai-Chi, die Woche im Kloster oder das Gespräch mit einem Freund oder Mentor sein. Für die Firma sind es die Retreats, bei denen das eigene Denken und Handeln mal auf den Prüfstand kommt. Inspektion fürs Gehirn, sozusagen.

Gastbeitrag von Dr. Markus Ramming – Trainer des Ersten Deutschen Zentrum für Leistungsmanagment
Der promovierte Neurobiologe setzt sich mit Herz und Seele für das Thema Neuroleadership ein und hat selbst über 15 Jahre Erfahrung als Führungskraft in der Pharmaindustrie. So kennt er die Probleme, Belange und auch Lösungen für und von Organisationen und Entscheidern in Unternehmen. Mit seinem Wissen und Erfahrung schafft er es Veränderungen voran zu treiben.

Motivation managen

Es gibt so Tage. Man wacht morgens auf und möchte sich am liebsten noch einmal umdrehen. Nicht, weil man noch so erschöpft ist und unbedingt weiterschlafen möchte, sondern weil man einfach keine Lust hat, in die Arbeit zu fahren. Ein klassisches Motivationsproblem also. Was oft als kleiner Durchhänger beginnt, kann schnell zu einer wirklich Unlust führen.

Glaubt man aktuellen Studien, hat jede 13. Führungskraft keine Lust mehr auf ihren Job, jeder fünfte deutsche Arbeitnehmer hat bereits innerlich gekündigt. Wie also halten wir unseren Wirtschaftsmotor am Laufen? Wie können Sie es schaffen, Ihre Mitarbeiter auch weiterhin zu motivieren?

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Ganz klären lassen wird sich diese Frage leider nie, da das Thema Motivation auch ganz stark von der einzelnen Persönlichkeit abhängt. Da gibt es die Angestellte, die sich von morgens bis abends voll reinhängt und gefühlt nur für ihren Job lebt und den Kollegen, der Dienst nach Vorschrift macht. Aber ist dieser wirklich unmotivierter. Nicht unbedingt. Denn nach Feierabend hat er noch die Power, seinen Garten zu gestalten, oder sich ehrenamtlich im Fußballverein zu engagieren.

Generell muss hier zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation unterschieden werden. Letztere beschreibt die Angestellte in unserem Beispiel ganz gut. Sie arbeitet gerne für das Unternehmen, ihre Aufgabe macht ihr Spaß und bringt ihr die Herausforderung, die sie sucht. Bei der extrinsischen Motivation hingegen stehen die von außerhalb kommenden Reize im Vordergrund. Der Mitarbeiter arbeitet um der Arbeit willen. Soll heißen: Für Geld oder in Aussicht gestellte Belohnungen. Aber auch Drohungen und Druck wie Abmahnungen feuern diese Art der Motivation an.

Generell gibt es vier gängige Möglichkeiten, Mitarbeiter zu motivieren. An erster Stelle steht hier, wie die meisten sicherlich vermuten werden, die finanzielle Entlohnung. Viele Unternehmer denken auch heute noch, dass Sonderzahlungen und Boni genügend Anreize bilden, um langfristig erfolgreich zu werden. Dabei ist längst bewiesen, dass dem nicht so ist. Geld und/oder Druck sorgen sicherlich für einen sehr kurzen Zeitraum für die gewünschte Leistungssteigerung. Nachhaltig ist diese aber in keinem Fall. Ein wesentlich wichtigerer Faktor ist der Führungsstil. Schenkt man der aktuellen Gallup Studie Glauben, kosten schlechte Führungskräfte die deutsche Wirtschaft jährlich bis zu 105 Milliarden Euro. Nur 21 Prozent der Befragten gaben an, durch ihre Führungskräfte ausreichend motiviert zu werden. Vor allem der lineare Führungsstil von Anweisung und Ausführung ist heute nicht mehr gefragt. Vielmehr wünschen sich moderne Arbeitnehmer einen gewissen Spielraum, in dem sie sich selbst Ziele setzen und diese verwirklichen können. Nach den Ergebnissen der Gallup-Studie sieht das Magazin „Die WirtschaftsWoche“ Führungskräfte sogar als die wahren „Produktivitätskiller“.

Was aber können sie besser machen? Sie sollten deutlich mehr Lob aussprechen. Schließlich freut sich jeder Mensch über eine Wertschätzung seiner geleisteten Arbeit. Aber machen Sie es sich damit nicht zu leicht! Überschwängliches und vor allem zu häufig vorgetragenes Lob macht Sie unglaubwürdig. Sobald der Arbeitnehmer einmal das Gefühl bekommt, die Führungskraft meint es nicht ernst mit ihrer Anerkennung wird dies zu einem tiefen Riss im Verhältnis führen.

Wenn Sie ihre Mitarbeiter wirklich zu einer intrinsischen Motivation führen möchten, sorgen Sie für eine emotionale Bindung zum Unternehmen. Diese darf aber nicht konstruiert, sondern muss wirklich gewollt sein. Engagieren Sie sich für Ihre Mitarbeiter und sorgen Sie als Führungskraft dafür, dass sich Ihre Mitarbeiter mit dem Unternehmen verbunden fühlen. Dies kann z.B. über gemeinsame soziale Projekte geschehen. Aber auch das Anbieten von Möglichkeiten der persönlichen Weiterentwicklung kann sich positiv auswirken.

Es lohnt sich also, sich den eigenen Führungsstil oder sogar den eines gesamten Unternehmens noch einmal vor Augen zu führen. Richtige und der Situation angepasste Führung wird nicht nur langfristig den unternehmerischen Erfolg, sondern auch die Mitarbeiterbindung maßgeblich verbessern.