Präfrontaler Cortex – Mehr als eine chemische Fabrik

Im vorigen Beitrag hatten wir beleuchtet, welche Rolle das Stress- und das Belohnungssystem für die Arbeit und insbesondere auch für die Funktion als Führungskraft spielen. Die beiden Teams rangeln miteinander um die Vorherrschaft. Entweder hat das sympathische, aufpeitschende, fokussierende System die Hosen an oder das parasympathische, entspannte, kreative. Dabei ist nicht das eine gut und das andere schlecht. Es sind völlig wertneutral zwei Zustände, in denen wir uns bewegen können.

Neben diesen beiden Stoffwechsel-orientierten, biochemie-getriebenen Systeme läuft noch ein Schiedsrichter über das Spielfeld. Der präfrontale Cortex (PFC) ist –sehr vereinfacht gesprochen – der Sitz des Verstands. Er hilft, dass wir uns kontrollieren, Pläne entwickeln und sogar auf Belohnungen warten können.

Die Marshmallow-Probe

Lassen Sie uns einen Ausflug in die 1960er Jahre machen. Damals startete Walter Mischel von der Columbia-Universität in New York ein Experiment mit 4-jährigen Kindern. Und zwar ein denkbar einfaches: Er bot ihnen einen Marshmallow an. Sie wissen schon, dass sind diese schaumstoffartigen Süßwaren, die in den USA auch gegrillt sehr beliebt sind. Auf gut Deutsch: Er bot den Kindern etwas Begehrenswertes an. Aber … er stellte Ihnen einen weiteren Marshmallow in Aussicht, wenn sie den ersten liegen ließen, bis „ich wiederkomme“. Die Kinder reagierten sehr unterschiedlich: Einige hielten dem „Druck“ keine Minute stand, während andere der Herausforderung eine gute Viertelstunde widerstanden. Damit ließen sich die Kinder je nach Widerstandsfähigkeit in Gruppen einteilen. Das Ende des Experiments? Nein. 40 Jahre später erst zog Mischel ein Resümee:  Die Gruppe, die bereits als 4-Jährige am längsten Warten konnten, erwiesen sich als die im Leben Erfolgreichsten: Sie kämpften sich durch lange Studien, sparten, lebten gesund. Sie verzichteten auf schnelle Belohnungen und wurden gerade dadurch erfolgreich. Heute nutzen Forscher den Marshmallowtest, um Vorhersagen zu machen, wie viel Geld die Probanden später verdienen werden. Verblüffend.

Impulskontrolle

Die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben oder gar ganz auf sie zu verzichten, nennen Wissenschaftler Impulskontrolle. Denken Sie an die berühmte süßwarenfreie Kasse, die Eltern ein etwas ruhigeres Einkaufserlebnis verschafft, ohne das legendäre „Das will ich haben!“. Und denken Sie im Gegensatz an Diabetiker oder Allergiker, die sehr bewusst auf Zucker oder Allergene wie Nüsse verzichten. Die Reize, die die Augen, die Nase aufnehmen und das Belohnungssystem aktivieren, versuchen, die Kontrolle zu übernehmen. Doch der präfrontale Cortex (PFC) trifft eine bewusste – nicht immer bequeme – Entscheidung.

Impulskontrolle ist auch für das Arbeitsleben mit seinem multiplen Anforderungen eine wichtiger Erfolgsfaktor. Anforderungen im Minutentakt wie Anrufe, Mails, Kurznachrichten, Informationen aus sozialen Netzwerken, Aufträge, Bitten, Gespräche, Meetings streiten um unsere Aufmerksamkeit. Der Impuls, das Thema zu wechseln, oder gar zwei oder mehr Dinge gleichzeitig zu machen (Mailcheck während Telefonkonferenzen) attackiert uns im Berufsalltag nahezu kontinuierlich. Denn – wer hat schon nur eine Aufgabe auf dem Tisch?

Die Impulskontrolle hilft uns, uns bewusst auf eine Aufgabe zu fokussieren und zwar anders, als dies das Stresssystem bewerkstelligt. Je nach Aufgabe können wir den Schiedsrichter beauftragen, den Ball einem bestimmten Team zuzuerkennen: Für handwerkliche Aufgaben wie das Aktualisieren von Adressverteilern oder die Korrektur von Listen kann ein Fokus auf negative Konsequenzen hilfreich sein; für kreative Aufgaben, beispielsweise das Entwickeln von Konzepten, Strategien oder Texten ist der Fokus auf das erledigte Ergebnis und die möglicherweise positive Aufnahme der Auftraggeber das passende Zielbild.

Der PFC verhilft uns also zu bewusster Kontrolle der Aufmerksamkeit. Wir können ihm dabei auch durch die passenden Rahmenbedingungen helfen. Also offline arbeiten, Telefon ausstellen, Handy weglegen. Die Impulskontrolle lässt sich auch mit fortgeschrittenem Alter lernen und trainieren.

So hilfreich der PFC ist: Er hat zwei maßgebliche Einschränkungen, über die wir Bescheid wissen müssen. Die erste ist bereits in den vorangegangenen Ausführungen angeklungen: Der PFC arbeitet – im Gegensatz zu anderen Hirnteilen – ausschließlich seriell. Multitasking ist Gift für ihn, ja, er ist gar nicht in der Lage, das zu leisten. Wir setzen ihn optimal ein, wenn wir eine Aufgabe nach der anderen erledigen. Die zweite Einschränkung: Seine Kapazitäten sind beschränkt. Auch bei Kollege Computer ist der Arbeitsspeicher verglichen mit dem „Ablagespeicher“ gering. Die Leistungsfähigkeit des PFC erschöpft sich rasch. Und dann benötigt er eine Pause und – ja – einen Zuckerschub. Belohnen Sie sich also nach erledigter Aufgabe mit einer kurzen Pause und vielleicht einem kleinen Stück Schokolade. Damit wird die „Batterie“ wieder aufgefüllt und es kann weiter gehen.

Der Stellenwert dieser Handlungsweise ist umso höher, da alle Tätigkeiten, die mit Sprache zu tun haben, im PFC abgearbeitet werden müssen. Für den typischen Büroarbeiter bedeuten Pausen also zum einen eine Stärkung der Impulskontrolle, ein fokussierteres Arbeiten und nicht zuletzt bessere Arbeitsergebnisse.

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